Introvertierte Lichtspiele

Pascal Richter

Introvertierte Lichtspiele

Autobahnkapelle bei Kaiserslautern

In Zeiten von leeren Dorfkirchen und vollen Autobahnen bleibt das Bedürfnis nach Ruhe und Spiritualität, die nach einer baulichen Lösung sucht. Die massiv aus Backsteinen erbaute Kapelle nahe der A6 bei Kaiserslautern bietet ein introvertiertes Refugium für Reisende. Statt Ausblicken nach Außen entsteht im Inneren ein intensives Lichtspiel durch in das Mauerwerk eingeflochtene Glasbausteine und perforierte Wandflächen, die die Fügungspotentiale des Backsteins und dessen Ornamentik zelebrieren.

Wie vielerorts in unserer Gesellschaft verschieben und verändern sich traditionelle Strukturen und Gewohnheiten. Auch die geistlichen Institutionen spüren diesen Wandel, denn je weniger die klassische Dorfkirche am Sonntagmorgen frequentiert wird, desto mehr gewinnen Gotteshäuser und Kapellen an vielbefahrenen Straßen unter Pendlern und Fernfahrern an spiritueller Bedeutung. Da die nächstgelegene Autobahnkapelle von Kaiserslautern mehr als anderthalb Stunden entfernt ist, galt es einen lithurgischen Ort der Stille in einem Waldstück an der Autobahnausfahrt Mehlingen zu entwerfen.

Um das durch die ringsum laufende Straße bestimmte Grundstück als Gesamtanlage zu verstehen, orientiert sich die ovale Form der Kapelle am Straßenverlauf und positioniert sich an der höchsten Stelle des Geländes, wodurch das Gebäude zum einen als sinnbildliche Krone des Ortes inszeniert wird, zum anderen die Sichtbarkeit von der Autobahn gewährleistet ist. Da die Kirche ein Fundament unserer Gesellschaft ist, verlangt diese Bauaufgabe nach einem massiven Material, aus dem seit jeher Gotteshäuser gebaut wurden und das zudem in seiner Farbigkeit dem rot-braunen Sandsteinboden des Pfälzer Waldes gleicht: Ziegelstein. Um die ovale Form des Bauwerks und den orthogonalen Charakter des Baustoffes in Einklang zu bringen, wird sich der Form der Kapelle materialgerecht durch das Rück- und Vorspringen der massiven Wände angenähert, wodurch ein expressives Äußeres entsteht, dessen Massivität und Geschlossenheit ein starkes Solitär in einer unwirklichen Infrasturkturumgebung schafft.

Der Eingang des Gebäudes öffnet sich nach Westen zur Straße nach Kaiserslautern und dem bereits bestehenden Mitfahrerparkplatz und leitet in den kreuzartig aufgebauten Grundriss des Gebäudes, der vom Entrée aus in alle Richtungen schrittweise sakraler wird. Im Norden befindet sich ein zurückgezogener Raum zur Marienanbetung, im Osten ein Raum zum Anzünden von Gedenkkerzen. Der große Andachtsraum orientiert sich nach Süden, wobei sich der bedeutungsvollste Ort der Kapelle, der Altar, am Ende des Raumes in der Südspitze befindet. Um dieses Intensivieren der Sakralität vom Entrée aus zu unterstreichen, schwingt sich die mit rohen Holzbrettern geschalte Betondecke des Gebäudes an der südlichen und nördlichen Gebäudespitze nach oben, wodurch ein Bruch der Perspektive erwirkt wird, der die göttliche Unfassbarkeit unterstreicht.

Die Kapelle besitzt keine klassischen Fenster. Die massiv aus gebrannten Ziegelsteinen gemauerten Außenwände des Gebäudes werden durch das Freilassen von Lücken zwischen den einzelnen Steinen perforiert und im Eingangsbereich frei durchwindet, in den Andachtsräumen mit Glasbausteinen gefüllt, die das von außen einstrahlende Licht kanalisieren und es vollflächig im Inneren wiedergeben. In der Spiegelung des göttlichen Scheins der perforierten Wände im geschliffenen Terrazzofußboden wird abschließend eine Verbindung des Übersinnlichen und des Weltlichen gesucht.

Bernhard Friese

Architekt
Pascal Richter
Grundstückfläche
21.913 m²
Bebaute Fläche
123 m²
Nutzungsfläche
81 m²