Fabrik für Baukeramik

Franziska Käuferle und Sina Pauline Riedlinger

Fabrik für Baukeramik

ODE AN DEN TON

Dass die Wertschätzung von echter Handwerkskunst dieses Projekt besonders prägt, zeigt sich nicht nur im Innern des fiktiven Sitzes einer Baukeramikfirma, sondern auch an der fundierten Materialstudie.

Fabrik für Baukeramik

In Velten an der Oberhavel werden seit dem 17. Jahrhundert Waren aus Ton hergestellt. Bekannt wurde die Ofenstadt durch den Berliner Töpfermeister Tobias Feilner. Mit dem wirtschaftlichen Höhepunkt der Baukeramik um 1900 befanden sich in Velten 43 florierende Unternehmen. Heute gibt es vor Ort nur noch den Familienbetrieb B.O.S. Velten. Für diese Umgebung entwarfen Franziska Käuferle und Sina Pauline Riedlinger im Rahmen ihrer Masterarbeit einen fiktiven Firmensitz, welcher alle Voraussetzungen für eine effektive und moderne keramische Pro- duktionsstätte schafft. So fasst das Erdgeschoss die beiden getrennten Produktionsketten von Glasur und Ton sowie die Gas-, und Elektrobrennöfen. Die oberen Geschosse sind für Lagerflächen und Nebenräume vorgesehen. Im Herzen des Gebäudes findet sich ein Archivraum, ähnlich einer „Wunderkammer“.

Ein Hauptanliegen war es, den Familienbetrieb zur Identitätsstiftung eng mit seinem Firmengebäu- de zu verbinden. Aus diesem Grund sind die spezifischen Charakteristika der lokalen Typologie der Ofenfabrik und ihrer historischen Brennöfen mit in den Entwurf eingeflossen und sichern die innere Belichtung. Darüber hinaus wurde die übergeordnete Frage nach Art und Angemessenheit der Außendarstellung eines Baukeramik- Produzenten gestellt und wie sich ein zeitgenössisches Unternehmen hierzu positionieren sollte.

Ton und Glasur sind nicht nur ästhetisches Mittel, sondern von Beginn an wesentlicher konzeptioneller Bestandteil des Entwurfes. Anhand von über 300 Probestücken wurde eine Annäherung an den Werkstoff unternommen. Ziel war es, ein Produkt zu entwickeln, das die Firma und ihren Anspruch an Qualität und Handwerkskunst repräsentiert. Ansatz und Ausgangspunkt der Materialstudie war die raue Beschaffenheit der Wandflächen. Dazu die Planerinnen: „Diese Eigenschaft wird durch die Addition der verwendeten Ornamente geschaffen. Ihre Plastizität bildet die Basis der Struktur. Dabei versucht unser Ansatz, sich vom klassischen Ornament zu lösen, dabei jedoch dessen Eigenschaften zu übernehmen.“

Dabei vertrauten die Newcomerinnen auf die Materialeigenschaften und das Verfahren: „Zu Beginn des Prozesses ist der Ton weich und formbar, er ändert seinen Zustand im Brand und wird zu einem festen Körper“, erläutern sie. „Die konzeptionelle Überlegung ist, Raum für diesen Prozess zu schaffen. Bei einer Brenntemperatur von 1200 Grad verbrennt alles Organische. Diesen Umstand machen wir uns zu eigen. Es werden organische Materialien in die Oberfläche des weichen Tons eingearbeitet, welche die gewünschte Struktur formen sollen. Während des Brands brennen diese Stoffe rückstandslos aus und hinterlassen eine plastische Oberfläche. Die so entstandenen Backsteine stammen eindeutig aus derselben Familie, sind allerdings individuelle Stücke. Durch die Technik erinnert das Endprodukt an seine frühere weiche Beschaffenheit und gleichzeitig wird der Vorgang des Brennens sichtbar gemacht. Für uns wird somit die Frage nach der Wahrheit oder Echtheit der entwickelten Form beantwortet.“ In ihrem Entwurf kommen die Backsteine in der Fassade zum Einsatz. Die Anordnung kann als eine Mischung aus Flämischem und Wildem Verband beschrieben werden, bestehend aus einem überlangen Läufer, welcher immer auf einen strukturierten Binder trifft. So kann eine ornamentale Wirkung des Verbands umgangen werden – und das Gebäude erscheint monolithisch.

Der Entwurf ist als veredelter Rohbau gedacht, jedoch sollen alle vertikalen Lichträume einen feineren Ausführungsstandard erhalten, um zu Aufenthaltsinseln in der Struktur zu werden. Mit der zweiten Versuchsreihe wurden Glasuren für die aufgehenden Räume entwickelt. Aus gemahlenen Sanden und Steinen aus einem lokalen Tagebauwerk entstand eine natürliche Farbpalette, die das Farbkonzept an die geologische Beschaffenheit der Umgebung bindet. Werden diese Pigmente in Grundglasuren eingemischt, ist die Konzentration der Oxide nicht ausreichend, um eine effektive Färbung zu erzielen. Durch Experimente wurde jedoch deutlich, dass eine punktuelle Färbung in Vertiefungen der keramischen Oberfläche stattfindet. Dieser Effekt wurde in weiteren Versuchsreihen untersucht. So wurde eine Reihe an strukturierten Fliesen entwickelt, die in ihrer Nuance einmalig existieren.

 

Franziska Käuferle und Sina Pauline Riedlinger

Ort
Velten, Deutschland
Grundstückfläche
15.382 m²
Bebaute Fläche
1.704 m²
Nutzungsfläche
3.942 m²
Umbauter Raum
32.940 m³